Unternehmen

Jeden Tag eine unübliche Tat

10. Januar 2018 - Hanspeter Spörri

Eine Unternehmerin – Gabriela Manser – sitzt mit zwei Konzeptkünstlern – Frank und Patrik Riklin – auf einer Bettkante und diskutiert. Das Hotelbett steht unter freiem Himmel auf der Göbsi, oberhalb von Gonten in Appenzell Innerrhoden. Es ist eine Kunstinstallation, aber es ist nicht künstlich, sondern echt. So echt, dass man darin schlafen kann und die verfügbaren Nächte ausgebucht sind. Unüblich ist der Ort. Unüblich ist das «immobilienbefreite Zimmer». Das Gespräch zwischen Unternehmerin und Künstlern dreht sich deshalb um den Wert und die Wirkung von unüblichen Taten.

Frank und Patrik Riklin hatten ihr erstes Null-Stern-Hotel 2008 konzipiert, im Jahr der Finanzkrise, damals noch in einem Bunker. Es sorgte weltweit für Schlagzeilen und wurde in Nachrichten- und Unterhaltungssendungen thematisiert. Diesen Medienrummel haben die beiden Künstler laut eigenen Aussagen nicht erwartet und nicht angestrebt, er sei ein total irreales Ereignis, eine seltsame, unvorhersehbare Entwicklung gewesen. «Nie ist es uns seither gelungen, ausreichend zu reflektieren, was das alles für uns und das Kunstwerk ‚Null Stern’ bedeutet», räumt Patrik Riklin ein. Im Zentrum stehe für sie aber immer nur die Verschiebung der Kunst in einen Raum ohne künstlerische Koordinaten. «Uns interessiert nicht der abgeschlossene Kunstraum, sondern die real existierende Gesellschaft mit all ihren unvermeidlichen Widersprüchen.»

Zu diesen gehört laut Gabriela Manser auch der Widerspruch zwischen dem Wachstumsziel, welches Unternehmen haben müssten, und den begrenzten Ressourcen: «Hoffentlich weckt dieser Widerspruch unsere Kreativität.»

Frank und Patrik Riklin sehen sich als Brückenbauer zwischen Vernunft und Unvernunft. Sie interessiert, «wie die Gesellschaft umgeht mit einem Kunstwerk, bei dem man sich fragen darf, ob es überhaupt noch Kunst ist, da es völlig losgelöst vom üblichen Kunst-Kontext stattfindet». Frank Riklin ergänzt, dass es ihnen gefalle, Kunst und Wirtschaft miteinander in den Dialog zu verwickeln: «Nur darf nicht das Geld regieren. Chefin muss die Kunst bleiben.» Nicht der Kunde sei König, sondern der Inhalt. «Wie bringen wir Leute, die beispielsweise in der Wirtschaftswelt zuhause sind, mit Hilfe der Kunst dazu, selbst irrationale, unlogische, unübliche Wege zu gehen?» fragen sich Frank und Patrik Riklin: «Wir wollen hinter den Horizont blicken. Dort liegt bekanntlich das Unbekannte, das Neue, die Innovation.»

Gabriela Manser hat sich mit ihrer Goba entschlossen, das Projekt zu unterstützen, zunächst weil sie ebenfalls immer wieder nach etwas «Normalem» sucht, dass sich in einen unüblichen Kontext stellen lässt. Dass das Null-Stern-Hotel nicht nur eine lustige Idee ist, sondern auch Kritik am Zuviel des Konsums in sich trägt, stört sie nicht. Derartige Kritik sei nötig.

Der Verhandlungsspielraum mit der Kunst sei schwierig, äusserst konfliktreich, räumt Patrik Riklin ein: Die künstlerische Umsetzung muss radikal bleiben, sie darf sich nicht irgendwelchen Wünschen unterwerfen. Das wäre der Tod jeder Kunst. Und ihr Verfall ins Dienstleistertum.»

Gleichwohl halten die beiden das, was rund um das Null-Stern-Hotel entstanden ist, für ein geistiges Kapital, eine Ressource in vielen Köpfen: «Aus unserer Sicht kann das einer ganzen Region Schub für die Zukunft geben.»

Im Bettkantengespräch wird deutlich, wo zwischen den Konzeptkünstlern und der Unternehmerin Gemeinsamkeiten bestehen: beim Bemühen, Grenzen zu überwinden, das Unmögliche möglich zu machen, das Unbekannte zu erkunden.

Ihre Kunst sei nicht praktikabel, lasse sich nicht «adrettisieren», für wirtschaftliche Interessen nutzbar machen, sagen Frank und Patrik Riklin. Banale Begehrlichkeiten, die immer hervorgerufen werden, wenn ein Projekt medial Erfolg habe, gelte es abzuwehren: «Uns geht es um etwas anderes: wir wollen das Zauberhafte, das Unübliche in den Alltag einpflanzen», sagt Patrik Riklin. Gabriela Manser nimmt auch diesen Gedanken auf. Im Kontext der Wirtschaft sei sie gerne für Verzauberung zuständig. Hilfreich und inspirierend für alle sei es, «wenn es einem gelingt, in eine Beziehung zu treten mit Menschen, die etwas ganz anderes tun, aus einem anderen Umfeld kommen, ganz andere Erfahrungen gemacht haben.» Sie erinnert an den Landwirt, der auf der Göbsi in die Rolle des Butlers geschlüpft sei, das mit Freude gemacht habe, wohl selbst inspiriert worden sei. «Schon dafür lohnt sich der ganze Aufwand.»

Patrik Riklin fasst zusammen: «Jeden Tag eine unübliche Tat! Nicht nur eine gute, sondern auch eine unübliche Tat. Wir müssen unsere Gewohnheiten und Denkstrukturen immer wieder brechen. Das ist gar nicht so einfach. Aber der Bruch ist der Anstoss für das Neue.»

Darauf zielt auch Gabriela Manser ab: Jeden Tag eine unübliche Tat: Das sei auch ein super Motto für die Goba.